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Naturkatastrophen im Fokus: Wachsende Schäden, sinkende Versicherbarkeit?

(Bild: © ThomasMagyar)

Naturkatastrophen im Fokus: Wachsende Schäden, sinkende Versicherbarkeit?

25. März 2025

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6 Min. Lesezeit

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Recht & Wissen

Naturkatastrophen entwickeln sich in Europa – und besonders in Österreich – zu einer wachsenden Belastung für die Versicherungsbranche. Die Schäden durch Hochwasser, Hagel und Stürme nehmen rasant zu, während es zunehmend schwieriger wird, derartige Risiken wirtschaftlich tragbar abzusichern. Vor diesem Hintergrund diskutierten Branchenexperten im Rahmen der IFA 2025 über aktuelle Entwicklungen, Herausforderungen bei der Versicherbarkeit und neue Lösungsansätze.

Andreas Richter

Redakteur/in: Andreas Richter - Veröffentlicht am 25.03.2025

Christian Eltner, Generalsekretär des VVO, skizzierte die alarmierende Entwicklung: „Drehen wir das Rad der Zeit zurück: Im Jahr 2002 verursachte das Jahrhunderthochwasser einen Schaden von etwa 400 Mio. Euro. In den letzten Jahren sehen wir jedoch eine drastische Zunahme. Allein 2023 lagen die versicherten Schäden durch Naturereignisse bei 1,6 Mrd. Euro.“ Besonders betroffen seien Hochwasser, Hagelstürme und zunehmende Extremwetterereignisse, die sich in immer kürzeren Abständen wiederholen.

Alexander Küsels, Leiter Versicherungstechnik beim GDV, bestätigte diese Tendenz auch für Deutschland: „Das Ahrtal-Hochwasser war mit 10 Milliarden Euro Schaden das größte Einzelereignis, das die Branche in den letzten Jahrzehnten erlebt hat. Die Versicherungsdichte lag in den betroffenen Gebieten bei lediglich 45%. Der Rest musste durch den Staat aufgefangen werden.“

Nicht nur in Deutschland, sondern auch in Österreich zeigt sich eine besorgniserregende Entwicklung. "Der Klimawandel manifestiert sich in steigenden Schadenssummen. Wir sehen nicht nur mehr, sondern auch intensivere Naturereignisse", fügte Eltner hinzu. Besonders besorgniserregend sei, dass extreme Niederschläge mittlerweile auch in Regionen auftreten, die bisher nicht als Hochrisikogebiete galten.

Versicherbarkeit unter Druck

Laut Rupert Pichler, Client Manager bei HOGO Rückversicherungsmakler, stehen Rückversicherer zunehmend vor der Herausforderung, tragfähige Modelle zu entwickeln. „Wenn es keine nachhaltige Lösung gibt, werden Rückversicherer sich aus bestimmten Bereichen zurückziehen. Wir sehen bereits in den USA, dass einige Regionen gar nicht mehr versicherbar sind, weil das Risiko zu hoch ist.“

Die steigenden Kosten betreffen dabei nicht nur die Erstversicherer, sondern auch die Endkunden. "Wir sehen bereits signifikante Prämiensteigerungen in Bereichen mit hoher Naturgefahrenexposition. Wenn wir hier nicht eine nachhaltige Balance finden, wird der Versicherungsschutz für viele unbezahlbar", warnte Pichler.

Reinhard Kern, Vorstandsmitglied der Österreichischen Hagelversicherung, zeigte am Beispiel der Landwirtschaft, wie eine funktionierende Lösung aussehen könnte: „Wir haben in Österreich ein Private-Public-Partnership-Modell, bei dem der Staat Prämienzuschüsse gewährt und somit eine flächendeckende Absicherung ermöglicht. Dadurch können wir eine hohe Versicherungsdurchdringung erreichen und gleichzeitig die Risiken für Versicherer minimieren.“

Allerdings sei dieses Modell nicht ohne weiteres auf andere Segmente übertragbar. "Die Strukturen der landwirtschaftlichen Versicherung sind historisch gewachsen. Für eine umfassende Naturkatastrophenversicherung müsste man neue Wege gehen", so Kern.

Neue Modelle zur Absicherung von Naturkatastrophen

Ein zentrales Diskussionsthema war die Frage, wie eine großflächige Versicherungslösung für Naturkatastrophen in Österreich aussehen könnte. Der VVO setzt sich für ein Modell ein, das an die Feuerversicherung gekoppelt wird. „Das Problem ist, dass in der Politik aktuell keine Bereitschaft besteht, eine verpflichtende Elementarschadenversicherung einzuführen“, erläuterte Christian Eltner. „Erst wenn es erneut zu großen Hochwasserereignissen kommt, wird das Thema wieder diskutiert.“

In Deutschland steht eine Versicherungspflicht bereits auf der politischen Agenda. „16 Ministerpräsidenten sprechen sich dafür aus, doch der Teufel steckt im Detail“, so Alexander Küsels. „Es geht darum, ein System zu schaffen, das langfristig finanzierbar bleibt und nicht allein auf staatlichen Zuschüssen beruht.“

Auch die Frage der Risikoverteilung spielte eine große Rolle. "Eine nachhaltige Versicherungslösung erfordert ein faires Gleichgewicht zwischen Versicherern, Kunden und staatlicher Unterstützung", betonte Pichler. Ohne staatliche Garantien oder Anreize sei eine bezahlbare Deckung in Hochrisikogebieten kaum umsetzbar.

Prävention als Schüssel zur Risikominimierung

Einigkeit herrschte darüber, dass Prävention ein entscheidender Faktor ist. „Wir haben in Österreich bereits ein sehr hohes Niveau bei Hochwasserschutzmaßnahmen, doch die Eigenverantwortung der Hausbesitzer muss stärker gefördert werden“, forderte Eltner. „Oftmals fehlen einfache Schutzmaßnahmen wie dichte Kellerfenster oder angepasste Bauweisen in gefährdeten Gebieten.“

Küsels fügte hinzu: „Wir sehen in Deutschland, dass nach großen Hochwasserereignissen für kurze Zeit ein starkes Interesse an Versicherungsschutz besteht, das aber schnell wieder nachlässt. Hier braucht es langfristige Präventionskonzepte."

Die Diskussion zeigte einmal mehr, dass es keine einfache Lösung für das wachsende Problem der Naturkatastrophenversicherungen gibt. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Staat, Versicherungswirtschaft und Kunden ist notwendig, um eine nachhaltige und finanzierbare Absicherung zu gewährleisten. Ob Österreich dem deutschen Weg einer Versicherungspflicht folgen wird oder weiterhin auf freiwillige Modelle setzt, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass die Kosten für Naturkatastrophenschäden weiter steigen werden – und mit ihnen der Handlungsdruck auf die Politik und Versicherungswirtschaft.

Foto oben v.l.n.r.: Rupert Pichler, Client Manager bei HOGO Rückversicherungsmakler, Alexander Küsels, Leiter Versicherungstechnik beim GDV, Ria Althuber-Griesmayr (Moderation), Reinhard Kern, Vorstandsmitglied der Österreichischen Hagelversicherung, und Christian Eltner, Generalsekretär des VVO

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